Die Abmachung

“Die Abmachung“ könnte ihr Titel sein. Es ist eine fast wahre Geschichte –

von Samuel Widmer

Stellt euch einmal vor, wo wir wohl gewesen sind, bevor wir alle hier auf die Erde kamen. Ich denke, wir sassen im Himmel um den lieben Gott herum, fühlten uns eins und ganz, genossen es in vollen Zügen und fanden es wunderschön.

Zwischendurch haben wir einen Blick auf die Erde hinunter geworfen und zugeschaut, was die da unten so treiben. „Das gibt’s ja nicht!“ Riefen wir dann aus, „was die da unten durchgeben! Katastrophal! Nicht zum Aushalten! Die kennen das Einssein nicht; höchstens mal, wenn sie zu zweit sind, flackert es auf, aber zu dritt schon nicht mehr, und wenn sie viele sind, haben sie nur noch Streit und Krieg und Zersplitterung.“ „Da müssen wir etwas unternehmen!“, beschlossen wir dann.

Erinnert ihr euch an unsere Abmachung, die wir dann getroffen haben, dass wir da hinuntergehen wollen, um es ihnen zu zeigen, um die Einheit, die Ganzheit, die Liebe, die Freude in die Welt zu tragen und sie dort zu verwirklichen; zu zeigen, was Freundschaft ist, wirkliche; zu zeigen, wie eine Gesellschaft funktioniert, die nicht auf Gier, Neid und Selbstsucht aufbaut, sondern auf Zuneigung und Liebe. Erinnert ihr euch nicht mehr daran, an diese unsere gemeinsame Abmachung?

Wir sind dann hinuntergestiegen, als winzig kleine Kinder angekommen und haben es nicht besonders gut getroffen. Wir waren nicht willkommen, fühlten uns allein und unverstanden und vergassen überhaupt wer wir sind; So wuchsen wir auf und irrten wie alle anderen in Verwirrung auf der Erde herum.

Gelegentlich erwachte dann vielleicht einer von uns, aus den verschiedensten Gründen, und begann sich zu erinnern. Ich selbst zum Beispiel erinnerte mich, weil ich einen der Freunde von dort oben traf, der mir half, mein Gedächtnis zu finden. Auch die kleinen Helferlein – Medikamente, Drogen, Sakramente oder wie man sie immer nennen will – weckten mich auf. Seither treffe ich auf meinem Weg über diese Erde auf zwei Sorten von Menschen. Die einen sind die, die ich damals von da oben gesehen habe und denen ich nun, so gut ich es immer kann, zu vermitteln versuche, was ich mir vorgenommen habe: Das nennt man Psychotherapie. Die anderen sind jene, die damals auch mit mir da oben gesessen haben. Wenn ich auf einen von diesen treffe, gehe ich auf ihn zu und spreche ihn an: „Erinnerst du dich, was wir abgemacht haben, damals da oben? Hilfst du mir nun?“ 

Und dann schaut mich der andere oder die andere verdutzt an und sagt entweder:“Spinnst du eigentlich?“, oder er hört mich gar nicht, sieht mich gar nicht, weil er gefangen ist in seiner Angst, seinem Leid, seinen Problemen. Und dann beginnt wieder eine Therapie, diesmal die Erinnerungstherapie, bis der andere, die andere zu erwachen beginnt. Das heisst immer mit der Sehnsucht leben, dass sich wirklich endlich einmal einer oder eine erinnert.

Die einen muss man lediglich zärtlich umarmen, damit sie aufwachen. Andere muss man packen und schütteln und ihnen wütend und verzweifelt ins Gesicht schreien: „Kennst du mich denn wirklich nicht mehr?“ Wieder andere muss man anschreien und einkreisen, damit sie nicht Angst bekommen und fortbringen. Die einen wollen verführt sein, die anderen vergewaltigt. 

Am liebsten sind mir diejenigen, auf die man einfach zugehen und sagen kann: „Schön, dass du endlich gekommen bist, ich habe so lange auf dich gewartet“, und bei denen man dann zuschauen kann, wie es allmählich dämmert in ihren Augen.

Und langsam tauchen sie tatsächlich auf, diejenigen, die sich erinnern, und die Sehnsucht hat ein Ende, entfaltet sich in die Freude hinein.

Und dann beginnt das grosse Teilen: Der eine bringt die Erinnerung, der zweite die Freude , der dritte weiss, wie man es macht, die vierte hat die Beziehungen, der fünfte das Geld und so weiter. 

Und so entsteht allmählich das Neue aus den Bausteinen des Alten, von denen jeder und jede einige hat.

Das ist eine fast wahre Geschichte. Eigentlich ist sie wahr, aber wie es wirklich war, lässt sich nicht aussprechen. Darum ist das Ausgesprochen nicht recht wahr, nur fast wahr. Von allem gibt es nicht die da oben und die da unten. Nicht wirklich. Ganzsein heisst sowohl die da Ober als auch die da unten sein, gleichzeitig, und darum kann die Geschichte nicht wahr sein – und doch ist sie wahr.

Erinnert ihr euch nun?

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